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Solveigs Hof in Rulle: Ein sicheres und freundliches Zuhause

Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe orientiert sich an der Waldorf-Pädagogik –  

Weg in ein selbstbestimmtes Leben ebnen –  

Verantwortung für sich selbst und andere lernen

Dass Solveigs Hof in Rulle eine seit 40 Jahren anerkannte Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe ist, vermutet man nach einem ersten Blick auf den liebevoll renovierten Resthof nicht unbedingt. Ähnlich wie auf einem ganz normalen Bauernhof sind rund um das über 200 Jahre alte Backsteingebäude an der Vehrter Landstraße 6 frei laufende Hühner, Lämmer, Ziegen und Zwergkaninchen zu sehen, denen es ähnlich wie der vor der Haustür dösenden Katze in der an diesem Vormittag scheinenden Herbstsonne sichtlich gut geht. 

Dass hier auch fröhliche junge Menschen leben, zeigt das genauere Hinsehen auf die bunt gemixte lebensfrohe Einrichtung, die zahlreichen Spielmöglichkeiten und die vielen selbst gemalten Bilder, die neben reichlich Sonnenschein auch die lebendige Natur rund um das Haus darstellen. 

„Die Tiere sind ein Teil von uns. Sie werden von den Kindern und Jugendlichen mit viel Herzblut versorgt“, berichtet Martin Boes mit einem entspannten Lächeln. Der Heilpädagoge und Musiktherapeut gehört als Leitungsverantwortlicher der Geschäftsführung zu dem hauptamtlichen Betreuer-Team der als Verein organisierten Einrichtung. Derzeit ist Solveigs Hof das Zuhause für sieben Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahre, die allesamt aus problematischen Familienverhältnissen stammen.

„Viele von ihnen haben eine Menge durchgemacht. Sie sind aus guten Gründen bei uns“, betont Martin Boes: „Wir versuchen, den Kindern und Jugendlichen vor allem Sicherheit und Geborgenheit zu geben.“ Dazu gehört abgesehen von einer gezielten pädagogischen und wenn nötig auch therapeutischen Betreuung vor allem, dass sich die koedukativ betreuten Mädchen und Jungen akzeptiert und gut aufgehoben fühlen können. Einige hatten ein lebenswertes Zuhause vor ihrer Unterbringung in Solveigs Hof lange nicht mehr oder noch gar nicht erlebt. In der Regel sind sie auf Veranlassung des Jugendamtes in der Ruller Einrichtung untergebracht worden. 

Tatsächlich ist Solveigs Hof in den letzten vier Jahrzehnten für viele Kinder und Jugendliche sowie die dort ebenfalls lebenden Mitarbeiter ein verlässlicher Lebensort geworden. „Zusammen genommen sind wir eine bunte Lebensgemeinschaft, in der es wie in einer etwas turbulenten Familie zugeht.“ Alle Bewohner haben ihr eigenes Zimmer, das sie nach eigenen Wünschen gestalten dürfen – allerdings ohne eigenen Fernseher und mit begrenzten Zugangszeiten zu Computern und Handys. Ein Problem sei das meistens nicht, berichten die Betreuer: „Wir unternehmen viel gemeinsam. Die Kinder und Jugendlichen können hier bei uns ganz normal wie andere Altersgenossen leben.“ Nur mit dem Unterschied, dass bei Problemen immer jemand aus dem Team da ist, der Verständnis zeigt und weiterhilft. Und auch aufs Fernsehen muss niemand verzichten. Dafür steht in der großen Tenne des Hofs eine große, eigens installierte Leinwand bereit. 

Solveigs Hof nimmt Kinder und Jugendliche im Schulalter und für die Zeit einer Ausbildung auf, bis ein Übergang in eine andere geeignete Einrichtung oder im besten Fall ein selbstständig geführtes Leben möglich ist. Die Betreuung erfolgt nach den Grundsätzen der Waldorf-Pädagogik, die den Menschen als Ganzes respektiert und im engen Zusammenhang mit seiner Umwelt begreift. Demnach sollen die Kinder und Jugendlichen anhand vielfältiger lebenspraktischer Prozesse erfahren können, wie Menschen gemeinsam sinnschaffend zusammen tätig sein können. Dazu gehöre auch, dass man lernt Verantwortung für sich selbst sowie für seine Mitmenschen und Tiere zu übernehmen.

Wie gut das Zusammenleben nach sozial verträglichen Grundsätzen in Solveigs Hof funktioniert, kann man auch im weiteren Tagesverlauf erleben. Nach dem gemeinsamen – natürlich mit frischen Bio-Zutaten gekochten – Mittagessen und einer kleinen Pause werden zunächst die Erlebnisse des bisherigen (Schul)-Tags ausgetauscht und Hausaufgaben gemacht. In der Freizeit wird wie bei anderen Altersgenossen gemeinsam gespielt und gelacht – und auch einmal gezankt, worauf in der Regel schnell die Versöhnung folgt. Sehr wichtig ist für die Kinder der wöchentlich wechselnde Plan für die Versorgung der Tiere, berichtet Martin Boes: „Das nehmen alle sehr ernst.“ Wie wichtig neben klaren Regeln zugleich der Spaß- und Erlebnisfaktor ist, machen auch die gleich neben dem Eingang stehenden vereinseigenen Kanus deutlich. „Mit denen waren wir in diesen Sommerferien zum Paddeln und Campen in Schweden“, erinnert sich der Einrichtungsleiter: „Das war für uns alle ein wunderschönes Erlebnis.“   

Oberstes Ziel ist, dass sich die Kinder und Jugendlichen in Solveigs Hof in einem positiven sozialen Umfeld an Leib und Seele gesund entwickeln können. Viele von ihnen hatten zuvor weder einen Halt in der Familie, noch einen strukturierten Tages- oder Wochenablauf. Der Aufenthalt in der Gemeinschaft von Solveigs Hof ist oft weit mehr als eine Auszeit, berichtet Martin Boes: „Die jungen Menschen bleiben mitunter etliche Jahre bei uns – bis sich die Situation in ihrer Familie stabilisiert hat oder sie bereit für ein eigenverantwortliches Leben sind. Und was ist für ihn persönlich die Haupt-Motivation: „Das erlebe ich eigentlich jeden Tag, wenn eines der Kinder oder Jugendlichen sagt, dass er sich hier wohl und zu Hause fühlt.“ (H.)

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